KAPRIOLE

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Jörn Stahlschmidt

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LEIDER IST JOERN STAHLSCHMIDT DURCH KRANKHEIT VERHINDERT.
WIR WÜNSCHEN GUTE BESSERUNG!

Inszenierte Unerträglichkeit

Jörn Stahlschmidt ist ein sehr netter, umgänglicher und aufmerksamer Zeitgenosse.
Trotzdem kann man sich gut vorstellen, wie die anderen Künstlern der Stipendiatenbewerberausstellung im Kunsthaus von den Installierungen ihrer Arbeiten sehr skeptisch aufschauten, als Ihnen Jörn Stahlschmidt anbot, ihre Werke mit Strom zu vernetzen. Warum nicht einfach die Steckdose daneben benutzen? „Pentagon“ hiess die von ihm gezeigte Arbeit: eine Art futuristischer Hochspannungsmast aus Holz, Filz und Kunstleder, der dann im Ergebnis tatsächlich alle Werke in der Funktion eines überdimensionierten Verteilerkastens durch im Raum frei hängende Kabel mit Strom versorgte.
Die Skepsis der MitbewerberInnen mag vielleicht eher von einer Kenntnis anderer Werke Stahlschmidts rühren. Als Jörn Stahlschmidt 2003 von der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg an die HfbK wechselte, machte er erstmals 2004 von sich reden, als er in die Klasse von Pia Stadtbäumer eine ca 5 Meter hohe Infraschallorgel mit dem in Holzintarsien eingearbeiteten Titel „Hellboy“ baute. Diese hölzerne Orgelpfeife gab, elektrisch durch einen Blasebalg betrieben, in unregelmässigen Abständen einen für Menschen unhörbaren Infraschallton von sich, der auf Dauer Übelkeit und Kopfschmerzen erzeugt. Die skulpturale Installation „protoganda“, im Kunsthaus 2005 gezeigt, stellte eine an der Wand hängende und 4 Meter hohe Kanzel mit mehreren Mikrofonen und integrierten Aktivboxen dar, die permanent brummte und einen Aufenthalt im Raum ähnlich unerträglich machte.
Für das Werk „entropie work station“ hat Stahlschmidt aus einem frühneuzeitlichem Holzschnitt eines Malerateliers eine Art Möbelstück mit ungeklärter Funktion nachgebaut. Dieses schrankartige Möbel, verbrauchte pro Stunde 18.000 Watt Strom, 300 Liter Wasser und zudem noch unzählige Telefoneinheiten für die im vollgestopften Inneren verborgenen Computer, Heizlüfter, Lampen und anderen elektrischen Maschinen. Stahlschmidt hat hierfür wortwörtlich die Ressourcen genutzt, die ihm an der die Hamburger Kunsthochschule zur Verfügung standen.
Also kurz mal auf den Punkt gebracht: Jörn Stahlschmidts Arbeiten nerven oft – und zwar so richtig. Sie wollen nerven oder nehmen es zumindest in Kauf. Sie kommen unaufgefordert in totalitärer Geste daher und gehen an die Schmerzgrenze und darüber hinaus – bis zum kompletten Ausschluss des Betrachters: Die Arbeit „republic empire“ von 2006 war aus Sicherheitsgründen nur von Aussen durch die Fensterscheibe zu betrachten. Ein in einem Wohnzimmertisch eingelassener Propeller hätte den Betrachter wohlmöglich sonst zerhekselt. Jörn Stahlschmidt malträtiert nicht nur sein Publikum, sondern immer wieder auch sich selbst. Warum tut er das? Ich denke an „La Noia“, einen Roman von Alberto Moravia. Dort wird von einem Zustand der Langeweile gesprochen, die dem Protagonisten innewohnt. Er meint damit nicht das temporäre Gegenteil von Unterhaltung, sondern eine Art Ungenügen oder Unangemessenheit oder Spärlichkeit der Realität. Und er beschreibt sie an einer Stelle auch als eine „Krankheit der Gegenstände“: „Sie (die Gegenstände) verlieren plötzlich jede Vitalität, so, als sähe man in Sekunden eine Blume von der Knospe zum Verblühen und zum Staub übergehen.“ Aus dieser Wahrnehmung heraus beginnt der Protagonist sich und seine Liebhaberin bis zu seinem suizidalen Ende zu quälen.
Jörn Stahlschmidt entwickelt die Funktionen seiner Objekte aus der Form. Die für den Betrachter schmerzhafte Präsenz seiner Werke ist die Konsequenz einer inszenierten Skepsis dem Material und den Objekten gegenüber. Es ist auffällig, dass seine Werke immer von einer handwerklich hohen Präzision sind. Diese Handwerklichkeit ist dabei weniger in Materialverliebtheit begründet, als vielmehr eben auch ein Ausdruck dieser sich selbst auferlegten Konsequenz. Der Humor ist zwangsläufig ein sarkastischer. Denn die Haltung, die aus den hochästhetischen Werken spricht, hat keinen direkten Adressaten, sondern richtet gegen sich selbst. Das erst macht sie für den Betrachter so richtig unerträglich und das ist zugleich ihre Qualität.

von Tim Voss-Harburger Kunstverein Katalog Arbeitsstipendium 2009-Kulturbehörde Hamburg

Jörn Stahlschmidt geb. 1975 in Hamburg

Ausbildung

2006-2007 Aufbaustudium, Freie Kunst, Hochschule für Bildende Künste Hamburg, bei Prof. Stadtbäumer

2003-2006 Freie Kunst, Hochschule für Bildende Künste Hamburg, bei Prof. Stadtbäumer, Diplom

1998-2003 Kommunikationsdesign & Illustration, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, ​ Fachbereich Gestaltung, bei Prof. Merose und Prof. Glasmacher, Diplom

2002 ​ Rietveld-Akademie Amsterdam, Workshop, bei Prof. Staarmann

2001 ​ Harvard University, Cambridge, USA, Graduate School of Design, Department Landscape Architecture, ​ Austausch, bei Martha Schwarz

Einzelausstellungen (Auswahl)

2012​” sumless system” Galerie Diane Kruse, Hamburg
2010​” wasted time in the hocus focus of the all seeing i” tinderbox/Diane Kruse, Hamburg
2009​”the hawaiian collection” mit Dennis Scholl, Galerie Hafenrand, Hamburg
2009​”colonial cluster” Galerie 61, Bielefeld
2007​”tronheim” Kunstverein Cuxhaven (Katalog )
2006​”canibal” liste-Messe für Aktuelle Kunst/galerie61, Berlin
2006​”dancing descenarios/republic empire” mit Luis Negrón, filter, Hamburg
2004​”bountyhunter” Kölner Kunstverein Rechtsrheinisch und VBK Köln (Katalog)

Gruppenausstellungen (Auswahl)

2013​”moorende-bauernfrühstück” Galerie Feinkunst Krüger, Hamburg
2012​”friends an lovers in jesteburg” Kunsthaus Jesteburg, Jesteburg
2012​”(dis)Placements” Belinda Grace Gardner, Schaartor 1/Art Week, Hamburg (Katalog)
2012​”Tronheim rdx./Lange Nacht der Museen” Deichtorhallen, Hamburg
2012​”1qm Staat” IKarlsplatz-Resselpark, Wien (Katalog)
2012​”Absorption” Kunstarkarden, München (Katalog/Poster)
2011​”Tyche und Automaton” Infernoesque, Berlin
2011​”kunst-stoff” Künstlerhaus Sotbörn, Hamburg
2011​”totholz” galeri loyal, Malmö, Schweden (Katalog)
2010​”open museum – broken home” baltic raw org /elektrohaus, Hamburg (Katalog)
2010​”Unsichtbare Schatten – Bilder der Verunsicherung” MARTA, Herford (Katalog)
2010​”Stipendiaten Hamburgstipendium 2009″ Kunsthaus, Hamburg (Katalog)
2009​”Diedie Die Die verdammte…-Künstlerbücher ” white trash contemporary, Hamburg
2009​”moving the goalposts” tinderbox, Hamburg
2009​”Das Bielefelder Gefühl” Kunstverein Bielefeld
2009​”Neue Heimat” MARTA, Herford
2008​”Wir nennen es Hamburg” Hamburger Kunstverein, Hamburg (Katalog)
2008​”künstliche räume” Schloss Agathenburg, Agathenburg (Katalog)
2007​”en vecha i solen/ a week in the sun – part 4″ Botnik Studio, Gerlesborg, Schweden
2007​”frozen cirrostratus” filter/Saekkers, Eindhoven, Nl
2007​”artists`books: transgression/excess” space other, Boston, USA (Katalog)
2006​”index” Kunsthaus Hamburg (Katalog)
2006​”alles im fluss/boomgarden” mit C. Ditz, + B. Seller, Altonaer Museum Hamburg (Katalog)
2006​”top to bottom, end to end” Westbau/Magazin 1, Wien, Östereich
2006​”evil curator” Galerie der HfBK, Hamburg (Katalog)
2006​”audio relay” Zusammenarbeit mit Benjamin Seller, On Air-Lafayette, Indiana, USA
2005​”closer” space other, Boston, USA
2005​”instant group” nomadenoase, golden pudel club, Hamburg
2004​”daheim in der fremde-fremd in der heimat” Städtische Galerie Nordhorn (Katalog)
1999​”kunstwegen” Städtische Galerie Nordhorn (Katalog)
Stipendien

2010/12Ateleirstipendium Mümmelmannsberg, Kulturbehörde & Behörde für Schule & Berufsbildung Hamburg
2009​Hamburger Arbeitsstipendium für bildende Kunst, Kulturbehörde der Stadt Hamburg
2009​Atelierstipendium Jenischpark, Ateliers für die Kunst/Stadt Hamburg
2007/08Residence, Vorwerkstift Hamburg, Patriotische Gesellschaft/ Freiraum e.V.
2005​Begabtenstipendium der Dietzestiftung
2004​Förderpreis des Freundeskreises der HfBK
2003​Reisestipendium der Aldegrever-Gesellschaft Münster für die Lofoten, Norwegen
2001​Stehr-Stipendium für Bildhauerei der Stadt Pinneberg

Musikografie

2012
“Atlas” by dissamonix (B. Seller & J. Stahlschmidt), Umbruch Recordings – DSMX3 + Vinyl LP01

2010
“The Swamp” by dissamonix (B. Seller & J. Stahlschmidt), Umbruch Recordings – UMCD 06

2008
“Disharmonic Universe” by dissamonix (B. Seller & J. Stahlschmidt), Umbruch Recordings – UMCD 03
“Psycufski Synfonies” track 05 – “dissamonix remix” by dissamonix, dl44 recordz berlin – LP

2006
“Fabriksampler V1” track 07 – “leaving the fabric” by wodan & Stahlschmidt, Pharmafabrik Recordings – PFCD015

Bibliografie (Auswahl)

2012
III – Jörn Stahlschmidt, Katalog, Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg
IIIV.I & Triangle, F-Zine, Jörn Stahlschmidt, Hamburg

2010
Jagganath – Jörn Stahlschmidt, Ausstellungskatalog,Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg

2009
Das Bielefelder Gefühl, Kerber Verlag, Bielefelder Kunstverein, Thomas Thiel
Dorf Nr.1, Magazin, Hamburg, Patrick Farzar

2008
missing link, Ausstellungskatalog, tinderbox, Hamburg, Diane Kruse
Künstliche Räume, Ausstellungskatalog, Schloss Agathenburg, Elena Winkel

2007
Disharmonic Universe – Jörn Stahlschmidt, Ausstellungskatalog, Kunstverein Cuxhaven
06/07 Ausstellungskatalog der Galerie der HfbK, Hfbk Hamburg, C. Ditz und B. Stutterheim

2006
index, Ausstellungakatalog, Kunsthaus Hamburg, Elena Winkel
Kunst in der Börse, Ausstellungskatalog, HfBK und Handelskammer Hamburg
Alles im Fluss, Ausstellungskatalog, Altonaer Museum Hamburg
Hierarchie der Perepherie, F-Zine, Jörn Stahlschmidt, Hamburg

2005
daheim in der fremde-fremd in der heimat, Ausstellungskatalog, Städtische Galerie Nordhorn

2004
Spur 04 the cheap champagne issue, Materialverlag Hamburg & Revolververlag Frankfurt
Sushi 7, Jahrbuch, ADC, Berlin
LAST, F-Zine, Jörn Stahlschmidt, Hamburg

2003
bountyhunter, Buch, Jörn Stahlschmidt, Hamburg

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This entry was posted on January 27, 2013 by in RAUM vom 13.04.2013 / 21.04.2013.
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